Durch die Kulturen

-Laufwanderung auf Malta in zwei (unfreiwilligen) Etappen-

 

 

Im Oktober 2005 war ich für gut 1 Woche auf Malta.  Malta ist ein selbständiger EU-Staat im Mittelmeer, ungefähr 95 Kilometer südlich von Sizilien, und hat eine abwechslungsreiche Geschichte hinter sich.

Da die Insel gerade mal maximal 27 x 15 Kilometer groß ist, hatte ich mir vorgenommen, einen großen Teil laufend und wandernd kennenzulernen. Aus Büchern hatte ich bereits erfahren, daß mich ein hügeliges Profil und manchmal abenteuerliche Wege erwarten würden. Zu Hause plante ich eine längere Tour und eine kürzere, bei der ich zuvor auch meinen Trinkrucksack testen wollte, den ich für schlappe 3,99 € bei KiK erstanden hatte.

Malta ist zwar ein Land mit hoher Bevölkerungsdichte, aber die Strecken, die ich mir ausgesucht hatte, führten eher durch schwach besiedeltes Gebiet. Es war daher sinnvoll, einen Wasservorrat mitzuschleppen, zumal es mit 25°C im Schatten recht warm war und es kaum Schatten gab.

 

Untergebracht war ich in Mellieha im Norden der Insel. Und von dort startete ich auch laufend meine kürzere Tour zur Marfa Ridge. Mit „Ridge“ werden dort die „Höhenzüge“ bezeichnet, die über die Insel verlaufen. Nach knapp 20 interessanten, aber welligen und anstrengenden Kilometern auf teils mäßigen Straßen, holperigen Wegen und einem kurzen, fast alpinen Abstieg über Geröll ahnte ich, was mich bei der längeren Tour erwarten könnte.

 

Zwei Tage später startete ich früh mit dem Linienbus in die Stadt Mosta, um mir den Dom mit seiner imposanten Rundkuppel anzusehen.

Dort kaufte ich mir auch noch eben neue Batterien für mein GPS-Gerät. Beim Friseur! Verkehrte Welt. An einem Montag Vormittag hat der Friseur offen und der Rest der Läden zu. Und beim Friseur gibt es Batterien, Filme, Sonnenbrillen und was der moderne Tourist sonst noch so braucht.

 

Von Mosta ging es, wieder mit dem Bus, nach Mdina, der sogenannten „stillen Stadt“, weiter, wo ich durch die fast autofreien Straßen der Zitadelle bummelte und hinterher noch ein kleines Schokokuchen-Carboloading absolvierte.

(nebenbei bemerkt: heißt es „ich habe gecarboloaded“ oder „ich habe carbo geloaded“??)

 

 

Der Dom in Mosta

St. Pauls Square in Mdina

Gasse in Mdina

 

 

Bis dahin sah ich noch wie ein halbwegs normaler Tourist aus. Zwar mit locker übergehängtem Trinkrucksack und Trailschuhen an den Füßen, aber ansonsten  recht unauffällig. Die Shorttight unter der knielangen Stoffhose sah man ja nicht.

Auf einem Klo vor den Mauern der Stadt begann dann die Morphose vom kulturinteressierten Touristen zum Landschaftsläufer.

Stoffhose in den Rucksack, Laufgurt mit Digicam und Neoprentäschchen um, Trinkrucksack mit Leuchtweste, Trillerpfeife, Salz und Energieriegeln für alle Eventualitäten auf den Rücken, GPS-Empfänger an den Oberarm, Kartenmaterial  in die Hand.

Es hatte irgendwie Ähnlichkeiten mit den Superman-Filmen. In Zivil rein, in Kluft wieder raus. Wobei ich mich natürlich nicht mit Superman vergleichen will. Schließlich ist der Kerl ja zu faul zum Laufen und fliegt lieber.

 

Die ausgearbeitete Strecke sollte mich zunächst auf Straßen an die Küste führen,  später über Wege und Pfade entlang der Steilküste und ein Stück durch das Hinterland am Ort Bahrija vorbei. Dann sollte es wieder Richtung Meer gehen und an Buchten vorbei zum Ziel des Laufs, meinem Hotel in Mellieha  – wobei eigentlich der Weg das Ziel war. Grob gemessene 25 wellige Kilometer auf abwechslungsreichen Untergründen.

 

Um halb Eins, wie geplant, machte ich meinen ersten Laufschritt in Richtung des Nachbarstädtchens Rabat, wo ich zu einem kurzen Fotostop an der St. Pauls-Kirche hielt. Wenig später wurde es ländlicher. Ich kam an kleinen Windrädern vorbei, die Wasser zur Bewässerung der Felder aus der Erde pumpten und erreichte den Pinien-Wald von Buskett Gardens, einen der wenigen Wälder auf Malta. Mittendrin stand, gut bewacht, der Verdala Palace von 1586, in dem wichtige Staatsgäste untergebracht werden.

Die Straße führte ein Stück zwischen den Bäumen hindurch und dann bergan auf die Dingli Cliffs, den mit 262 Metern über Meeresspiegel höchsten Punkt Maltas mit weitem Blick auf das Meer. An diesen zum Teil recht steilen Klippen entlang ging es weiter bis zum Zwischenstopp an der schlichten Magdalena-Kapelle, die fotogen am Abhang thronte.

 

 

Verdala Palace

Dingli Cliffs

Windrad

 

 

Zwischendurch lief ich irgendwann an einer Schafherde vorbei, was ja an sich nichts Besonderes ist. Auf Malta jedoch schon. Auf der eher kargen Insel gibt es nicht viel Gras zu futtern. Deshalb war diese Schafherde auch die einzige Tierherde, die ich während des Urlaubes sah.

Nach einem weiteren Stück endete die grobe Nebenstraße entlang der Küstenlinie und ging in einen steinigen Pfad über, der recht steil bergab ins Ungewisse führte. Beschilderungen gab es leider nicht. So hatte ich keinen Schimmer, ob dies wirklich der richtige Weg zu meiner nächsten Zwischenstation, dem Ort Bahrija, sein würde oder ob der Pfad nur hinunter zum Wasser führen würde. Ich hatte weder Lust, mir beim herabkraxeln die Haxen zu verstauchen noch für den Fall, daß mich der Pfad nicht weiterführen würde, das Ganze wieder hochzustiefeln. Fragen konnte ich niemanden – es war keine Menschenseele in der Nähe. Also entschied ich mich, wieder ein wenig ins Hinterland zu laufen und auf eine halbwegs belaufbare Strecke  nach Bahrija zu hoffen. Leider vergeblich. Ich landete im Örtchen Dingli und wollte dann den Weg von dort nach Mgarr fortsetzen. Eine freundliche Eingeborene, die ich nach dem Weg fragte, riet mir dazu, doch den Bus zu nehmen – bis Mgarr sei es weit. Ich war noch halbwegs guter Dinge, merkte aber, daß mich der weitere Weg zunächst wieder nach Rabat führen würde, ich bis Mgarr dann Landstraße laufen müßte und es dann vielleicht schon dunkel sein würde, bis ich wieder am Hotel sein würde. Dazu hatte ich nicht wirklich Lust. Als ich auf der anderen Seite eines Feldes wieder den Verdala-Palace sah und merkte, daß ich nicht weit vom Ausgangspunkt entfernt war, obwohl ich schon 12 Kilometer auf der Uhr hatte, entschied mich dazu, den Lauf abzubrechen und den Großteil des fehlenden Weges an einem anderen Tag ab Hotel in anderer Richtung zu laufen.

Kurz vor Rabat verwandelte ich mich hinter einem Mäuerchen wieder in einen halbwegs unauffälligen Touristen und schlenderte, umgeben vom leicht muffigen Dunst des verschwitzten Funktionsshirts,  noch ein wenig durch die schnuckeligen Altstadtgassen von Rabat, bevor es mit dem Bus zurück nach Mellieha ging. Dort erstand ich noch ein äußerst gehaltvolles Stück Schokoladentorte, mit dem die verbrauchten Kalorien wohl auf einen Schlag wieder nachgefüllt worden sind, und war rechtzeitig im Hotel, um vom Balkon den Sonnenuntergang hinter der Anchor Bay zu bestaunen.

 

Magdalena Chapel Kürbisfeld Popeye Village

 

 

Diese Bucht mit dem Popeye Village, der Filmkulisse des Popeye-Kinofilms von 1980, war auch zwei Tage später das erste Zwischenziel der zweiten Etappe. Auf dem Weg dorthin krachte es neben mir auf dem Asphalt. Die Schlaufe der Kameratasche war gerissen. Die Kamera war noch in Ordnung, aber kurze Zeit später fiel mir ein, daß ich keine Ersatzbatterien mit hatte. Zum Glück ist die ehemalige Filmkulisse jetzt ein kleiner Vergnügungspark mit Souvenirshop – und Batterien.

Hinter der Bucht mit den pittoresken bunten Kulissenhäusern wurde aus der kleinen Straße eine Piste, aus der Piste ein steiniger Weg. Es wurde einsamer. Ich kam zur nächsten Bucht, der Ghadira Bay, und zum Ghajn Snuber Tower, einem alten Wachtturm. Auf einem holperigen Pfad, der volle Konzentration und einige Gehpassagen verlangte, ging es um eine recht karge Landzunge.

Vereinzelt standen kleine Steinhütten herum, in denen meist ältere Männer mit Vögeln in kleinen Käfigen andere Vögel anlockten und auf eine gute Schußgelegenheit warteten. Immer wieder hallten Schüsse durch die Gegend.

Auf der anderen Seite der Landzunge erwartete mich ein schöner Blick auf die Golden Bay, einen der schönsten Sandstrände auf Malta. Als ich kurz vor dem dortigen Hotel wieder die Zivilisation erreichte, bimmelte mein Handy. Jörg (Jublu) fragte, ob er mir aus dem 1 €-Shop eine Nikolausmütze für den KLR-Adventlauf mitbringen sollte. Ich lehnte dankend ab, hatte ja noch welche - mit und ohne Leuchtbommel. Die Situation war irgendwie amüsant. Schließlich waren es bei mir 25°C. An der Bucht vorbei ging es über Straße weiter zum Ghajn Tuffieha Tower, einem weiteren Wachturm,  und der Ghajn Tuffieha Bay, einer schön gelegenen Bucht mit Sandstrand. Laut Karte sollte ab dieser Bucht ein Fußweg um eine Halbinsel herum zur Gnejna Bay, meinem geplanten nächsten Zwischenziel, führen. Dort angekommen ging es aber nur steil bergab; von einem Pfad war nichts zu sehen. Also lief ich ein Stück zurück und versuchte mein Glück darin, einen passenden Weg über den „Bergkamm“ zu finden. Dies endete aber auch im Ungewissen. Ich lief daher zurück zur Straße, disponierte um und entschied mich, zunächst zu den im Hinterland gelegenen römischen Bädern zu laufen, die eigentlich erst später auf meinem Programm standen.

 

Küste in Nähe der    Golden Bay

Küste in Nähe der    Golden Bay Golden Bay

 

 

 

Nach einem Stück Landstraße erreichte ich die Bäder, die ich aber nur durch den Zaun ansehen konnte. Der Weg ging dann eigentlich über eine Nebenstraße weiter, aber mehrere freilaufende Hunde an den ersten Häusern machten nicht den Eindruck, als wollten sie mich durchlassen. Ich wollte meine Waden gerne unperforiert belassen, beugte mich der Übermacht und lief weiter über die Straße nach Mgarr. Die Strecke war dort etwas öde, die Motivation ließ nach. Inzwischen auch etwas schlapp erreichte ich mit einigen Gehabschnitten den Ort und zog mir zur Stärkung am Automaten eine Flasche mit Kinnie, dem maltesischen Nationalgetränk, einer Limonade aus Bitterorangen und 18 Kräutern (ähnlich dem österreichischen Almdudler).

Wieder etwas gestärkt trabte ich das 21%-Gefälle zur Gnejna Bay herunter, wo ich ein Stündchen pausieren wollte. Ich füllte die Energiespeicher mit einem Käsebrötchen und einem Kübel Cola, kürzte die Pause und begab mich wieder auf die 21%, die ich diesmal als Steigung vor mir hatte. Zurück in Mgarr fand ich leider die Steinzeittempel nicht, entdeckte aber wenigstens die um 5200 v. Chr. errichteten Skorba Tempel im Nachbarort Zebbiegh. Ab dort ging es über Nebenstraßen durch landschaftlich genutztes Hinterland wieder Richtung Mellieha. Nachdem ich die Wardija Ridge erklommen hatte, ergab sich zur anderen Inselseite hin ein schöner Blick auf die St. Pauls-Bay mit dem kleinen Hafen, der es mir irgendwie angetan hatte. Oben erwartete mich noch einmal ein kleines Stück Pinien- oder Kiefernwald, das einen angenehmen Duft verströmte, bevor es wieder bergab ging. Nach einem halbwegs flachen Teilstück ging es kurz vor Schluß noch die Mellieha Ridge in Serpentinen hoch. Noch ein Stückchen durch den Ort und nach 27,8 Kilometern und 3:48 Stunden reiner Lauf- und Gehzeit kam ich ziemlich geschafft wieder am Hotel an und gönnte mir ein erfrischendes Bad im Pool.

Es war eine interessante zweite Etappe, aber anstrengender als der Hermannslauf. Und mit deutlich weniger Schatten...

 

 

Ghajn Tuffieha Bay

Blick von der Wardija Ridge zur St. Pauls Bay

Leicht welliges Terrain...   ;-)

 

November 2005

Alle Fotos Stefan Schirmer

 

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