2. Fisherman's Friend Strongman-Run, Weeze, 13.04.2008
- Ein Laufschuh beim Strongman-Run -

Ich gehöre zwar schon zu den Senioren im Laufschuhregal meines Läufers, bin aber in Altersteilzeit und darf deshalb manchmal mit ihm an die frische Luft.
Einige Kollegen fristen dagegen ein tristes Dasein in einer dunklen Ecke des Regals. Nach treuen Diensten ausgemustert und fast vergessen. Mein Läufer, der sentimentale Knilch, konnte sich nicht von ihnen trennen, weil er sie bei seinem ersten Volkslauf, seinem ersten Marathon oder sonst was am Fuß gehabt hat. Und vielleicht könnte er sie ja irgendwann noch einmal gebrauchen, hat er sich gesagt. Geglaubt hat er's wohl selbst nicht.

Aber jetzt sollte es tatsächlich wahr werden. Ein ausrangiertes Kollegenpaar sollte noch einmal Wettkampfluft und das Aroma verschwitzter Laufsocken schnuppern dürfen.
Und das nicht bei irgendeinem Wettkampf. Nein, nein - es sollte der Strongman-Run in Weeze sein. Ein Lauf, bei dem sich mehr oder weniger bekloppte Läufer über mehr oder weniger 16 Kilometer mit Hindernissen quälen und mehr oder weniger Spaß dabei haben. Bestimmt richtige Helden, die sich auch Nasenhaare ohne Betäubung ausreißen. Oder Masochisten-Jogger.

Aber was soll ich sagen?? Die Kollegen wurden nach einem Testlauf für strongman-untauglich befunden, weil sie sich liefen wie zwei Pakete Parkett.
Also schlug meine große Stunde und ich durfte ran - natürlich zusammen mit meinem Partner vom linken Fuß.
Ich freute mich wie ein Kinderschuh auf den Lauf und die Hindernisse schreckten mich nicht ab. Schlamm? Kein Problem. Lieber im Schlamm stecken bleiben als im Regal verschimmeln. Wasser? Stört mich auch nicht. Ich bin zwar atmungsaktiv, muss aber nicht aktiv atmen. Nichts konnte mich schocken. Ich war auf dem Weg, ein Strongshoe zu werden.

Mit drei Laufbekanntschaften fuhr mein Läufer dann von Hagen nach Weeze am Niederrhein. Komische Typen liefen da rum, verkleidet wie zu Karneval. Mit rosa Tütü, in Unterwäsche, mit Perücken, "oben ohne", im Spiderman-Kostüm oder sogar zu fünft hintereinander in einem Raupenkostüm. Mein Läufer hatte zum Schutz vor Schürfwunden nur die Knie mit Bauklebeband abgeklebt und grausam geblümte Gartenhandschuhe an. Ansonsten sah er eigentlich recht normal aus.

Mit halbstündiger Verspätung wurde dann der Läuferpulk auf die Hindernispiste geschickt. Wir starteten fast am Ende des Feldes und standen in der ersten Kurve bereits im Läuferstau. Stop and go war angesagt, an Laufen nicht zu denken. Nach einem flachen Stück zum Einrollen folgte dann das erste Hindernis: begrünte Bunker- oder Hallendächer, "Shelter" genannt, mussten überquert werden. Vorne laufend oder kraxelnd ein paar Meter steil hoch, hinten rutschend, pirschend oder laufend wieder runter. Im Laufe der zwei Runden kamen immer wieder welche. Insgesamt werden es wohl so dreißig gewesen sein, gefühlt einige mehr.
Vor dem zweiten Hindernis, der "Klagemauer", war wieder Stau, worüber sich viele Läufer beklagten. Daher wohl der Name. Nach geschätzten 10 Minuten Wartezeit waren mein Läufer und ich dann aber auch an der Reihe. Über ein paar Strohballen ging es 6 Meter aufwärts, über die Mauerkrone und dann 2,50 Meter im Fall und über weitere Strohballen nach unten. Alles noch keine Herausforderung für einen Laufschuh.
Das änderte sich jedoch etwas später, als Sandhügel in Sicht waren, denn kurz vor den Hügeln gab es tiefen Schlamm. "Hoffentlich hat er meine Senkel anständig festgezogen" konnte ich noch eben denken, bevor es um mich herum dunkel wurde. Bei anderen Läufern sind einige Kollegen im Schlamm stecken geblieben. Mein linker Kollege und ich überstanden die Fangopackung aber problemlos, hatten unser Gewicht aber innerhalb weniger Sekunden durch den festklebenden Modder vervielfacht. Und ein paar Sekunden später wurden wir beim Überklettern von Sandhügeln noch ordentlich paniert. Schlamm und Sand gab es dann immer wieder mal.
Das Feld ausgelegter Altreifen war, wie vorher schon die Strohballen-Hürden, für mich recht unspektakulär und auch mein Läufer hielt sich meistens in der Senkrechten.
Irgendwann kamen dann enge Betonröhren, die durchkrabbelt werden mussten. Das alberne Bauklebeband hatte sich inzwischen von den Knien meines Läufers verabschiedet. Da wird er sich wohl mal eine andere Klebetechnik überlegen müssen. Er versuchte, eine möglichst Schürfwunden vermeidende Technik zu finden und schrubbelte mit meiner Spitze über den Beton. Ab und zu eckte er mit seinem Hintern an, wurschtelte sich aber doch irgendwie durch.
Für mich wurde es erst ein paar Minuten später wieder heikel. Kniehohe Schlamm-Wasser-Gruben mussten durchquert werden. Um mich herum wurde es wieder dunkel, nass und kalt. Aber der große Junge, der mit seinem Fuß in mir steckte, hatte seinen Spaß. Ich hätte es ja gerne gesehen, wenn er stecken geblieben wäre oder wenn er sich auf die Nase gelegt hätte, aber er tat mir den Gefallen nicht.
Direkt nach der Moddergrube ging es in die Waagerechte. Ein niedrig gespanntes Gitter über matschigem Untergrund ließ die Strongman-Kandidaten für ein paar Meter zu Krabbeltieren werden. Mein Läufer schaute sich vom Vorkrabbler eine Krebskrabbeltechnik ab, bei der er wieder auf Zehenspitzen und Händen lief. Da wirkte er schon geschickter als in der Röhre.
Danach durchquerten wir dann ein längeres Stück mit wadenhohem kalten Wasser. Ich sah wieder nichts, wurde aber wenigstens wieder einigermaßen sauber. In mir klumpten sich dann allerdings Schlamm, Sand und Steinchen zu einer Massageeinlage zusammen. Ein paar Sandhindernisse noch und dann wurde ich grob ausgeleert. Hach - so fühlte ich mich wieder besser und mein Läufer musste nicht mehr laufen wie auf halben Tennisbällen. Ein kurzes Stück weiter hatten wir dann die Runde geschafft. Unter dem Start-Ziel-Banner stand der "Ausbilder Schmidt", ein Comedy-Fuzzi in alten Bundeswehrklamotten. Mein menschlicher Inhalt machte einen auf lustig und brüllte ihm den Ausbilder-Schmidt-Standard-Spruch "Mor - gen, du Lu - sche!!" entgegen und bekam ein megaphonverstärktes, herzhaftes "Halt - die - Schnau - ze!!!" zurück. Dem Volk gefiel's, mein Läufer grinste und begab sich bananekauend auf die zweite Runde, auf der es noch ein paar Shelter-Überquerungen mehr gab. Erstaunlicherweise sah man immer mehr gehende Teilnehmer, die sich vielleicht zu früh verausgabt haben. Der Typ in mir war aber noch recht locker und fit. Wahrscheinlich machten sich jetzt die profilierten Trainingsläufe bemerkbar. Die Shelter überquerte er noch recht flott. Und auch über die Strohhindernisse und die Mauer war er ruck-zuck drüber. Nach dem, wie er sich in der Schule beim Turnen angestellt hatte, habe ich da Schlimmeres befürchtet. So machten wir noch dutzende Plätze gut, ohne uns wirklich anzustrengen. Ich erhielt nochmals Fangopackungen und Kneippanwendungen, wurde nochmals eingematscht, paniert, gerubbelt, durchschlammt, gewässert und sandbefüllt.
Kurze Zeit später war das Abenteuer dann beendet. Nass und schmutzig, aber glücklich, brachte ich meinen Inhalt ins Ziel. In mir steckte ein zufriedener Läufer, der mich später eintütete und für neue Schandtaten wieder mit nach Hause nahm. Und auch ich hatte meinen Spaß.

Jetzt stehe ich grob gereinigt neben meinem Linksfußpartner auf dem Abtropfgitter und werde den daheimgebliebenen Laufschuhkollegen einiges zu erzählen haben, wenn ich wieder ins Regal komme.
Schließlich bin ich ja jetzt ein Strongshoe. Und vielleicht darf ich ja im kommenden Jahr noch einmal ran. Mein Läufer hat sich nämlich schon wieder vormerken lassen... 

 

3. Rothaarsteiglauf (Marathon), Winterberg -> Brilon, 24.05.2008
- Mit allen Sinnen -

Ob ich selbst noch bei Sinnen war, als ich den Lauf in meine Planungen aufnahm, weiß ich nicht mehr. Je näher der 24.05. rückte, desto mehr zweifelte ich jedoch daran.
Immerhin summieren sich laut Ausschreibung zwischen dem Start in Winterberg und dem Ziel am Briloner Marktplatz knapp 1000 Höhenmeter aufwärts und fast 1200 Höhenmeter abwärts.
Trotz fehlender Läufe um drei Stunden in der direkten Vorbereitung und des für mich ausgefallenen, als Test gedachten Hermannslaufes hielt ich jedoch an meinem Vorhaben fest.
Schließlich hatte ich meinem Opa, dem Sport immer wichtig war, versprochen, ihm diesen Marathon zu widmen.
Er weiß es aber wahrscheinlich nicht, denn das Versprechen gab ich ihm erst an seinem Grab; er ist Anfang des Jahres verstorben.
 
Der Rothaarsteig ist ein 154 km langer Wanderweg. Er führt über den Kamm des Rothaargebirges und verbindet, garniert mit 3139 Höhenmetern, Brilon im Sauerland über das Wittgensteiner Bergland und das Siegerland mit Dillenburg am Fuße des Westerwaldes.
Er wird auch der Weg der Sinne genannt.
Diesen Slogan wollte ich mir zum Motto meines Laufes machen und den Weg mit allen Sinnen genießen, ohne besondere zeitliche Ambitionen zu haben.
Ich wollte in die Ferne blicken, Bäume riechen, klare Luft schmecken, das Profil in den Beinen spüren.
 
Die gut einstündige Anfahrt nach Brilon führte gegen Ende auch über die A 445.
Die Landschaft war grün und leicht bergig, lange Brücken überspannten die Täler. Wer das Sauerland nicht kannte, ahnte spätestens jetzt, was ihn erwarten würde.
 
Gut in der Zeit kam ich in Brilon an und fand für mein Auto auch einen Unterschlupf in der Nähe des Marktes, wo später der Zieleinlauf sein sollte. Auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz herrschte an diesem Tag Parkschein-Anarchie. Nirgendwo sah ich einen Parkschein hinter der Scheibe. Das hätte auch nicht viel gebracht, denn die Höchstparkzeit belief sich auf 4 Stunden. Einschließlich des Läufertransportes nach Winterberg kann man das nicht schaffen. Das dachten sich die anderen Läufer wohl auch. Ich schloss mich der nicht-zahlenden Mehrheit an und hoffte auf gnädige und läuferfreundliche Politessen. Außerdem hatte ich mal gehört, dass es bei der Verwarnungsgeldberechnung preiswerter sein soll, erst gar keinen Parkschein zu haben als die Parkzeit zu überziehen. Aber dass nur nebenbei.
 
Die Nachmeldung vor Ort in der Briloner Sparkasse erfolgte problemlos und ich erstand danach noch ein Erinnerungs-Shirt.
Um 10:45 Uhr wurde dann das Marathon laufende Volk mit Bussen zum Startort Winterberg kutschiert. Während der Fahrt blieb genug Zeit, sich seine Mitfahrer und -läufer anzuschauen.
Fast ausnahmslos männliche Teilnehmer.
Fast ausnahmslos älter wirkende Teilnehmer
Fast ausnahmslos fitter wirkende Teilnehmer.
Darunter auch "Exoten" wie der graubärtige Herr mit dem zusammengebundenen Zopf und dem karierten Hemd, dem ein Brötchen halb aus der Hemdtasche herausragte.
 
In Winterberg war dann noch ausreichend Zeit, seinen Flüssigkeitshaushalt in beide Richtungen zu regulieren, bevor dann um 12:00 Uhr der Startschuss fiel, der keiner war. Der Schuss ging erst los, als meine Ohren auf Waffenhöhe waren.
 
Ungefähr 180 Zwei- und einige Vierbeiner machten sich auf die Strecke. Zunächst wurden meine Hörsinne auf die Probe gestellt, denn ein Urviech von Hund bellte in meiner Nähe lautstark und anhaltend seine Freude ins Sauerland.
Bereits nach kurzer Zeit war das Läuferfeld im Grünen und konnte die ersten Weitblicke genießen, sofern man die Muße dazu hatte. Die Route führte nach kurzer Zeit auch knapp an der Ruhrquelle vorbei, die man vom Weg aus sah. Einen Abstecher sparte ich mir aber.
 
Zwischendurch gab es wieder ein anderes Hundeerlebnis. Das Kerlchen war noch voller Tatendrang, zog kräftig an der Leine und hechelte, was das Zeug hielt. Dummerweise einen Meter hinter meinen Waden. Auch für Hundefreunde eine recht nervige Sache. An einem Pfahl mit dem Rothaarsteig-Symbol hüpfte ich deshalb für ein Handy-Foto mal kurz zur Seite und ließ auch das sechsbeinige Gespann vorbei.
Der taktische Schachzug ging aber leider nicht auf, da der kleine Zottel in der nächsten Schlammpfütze ein Bad nahm und damit genau in dem Moment fertig war, als ich an dieser Stelle ankam. Er hechelte dadurch zunächst weiter direkt hinter mir.
 
Interessant war es, im mich umgebenden Läuferfeld die unterschiedlichen Taktiken, Stärken und Laufstile zu beobachten. Da war zum Beispiel der trinkbegürtelte Jungspund mit MP3-Player, der bergab und auf gerader Strecke immer an mir vorbei zog. An der nächsten Steigung lief ich aber stets wieder an ihm vorbei, obwohl ich es ruhig angehen ließ.
Der Hundemann war zunächst etwas schneller als ich, wurde aber durch die Schlammbäder seines Vierbeiners immer wieder gebremst, so dass wir lange Zeit nahe beieinander waren.
Ich für meinen Teil versuchte gleichmäßig zu laufen und die Natur zu genießen, soweit das möglich war. Denn oft forderte die Strecke volle Konzentration. Es ging über Waldwege, die häufig mit Wurzeln und Steinen gespickt waren. Schotterpassagen gab es auch. Und Wege mit von Forstfahrzeugen tief ausgefahrenen und getrockneten Furchen.
 
Die Strecke führte meist durch den Wald, manchmal auch durch offeneres Gebiet. An mehreren Stellen, an denen Orkan Kyrill im Vorjahr Mikado gespielt hatte, ergaben sich weite Blicke in das Sauerland.
Sehr schön war auch eine Hochheide, die durchlaufen wurde. Dort wunderte ich mich zunächst über Läufer, die mir entgegen kamen. Aber dies waren wohl Teilnehmer des 26-Kilometer-Laufes, die sich warm liefen. Dieses Feld wurde auf die Reise geschickt, als ich ein Stück an deren Startbereich vorbei war und ein paar Minuten später wurde es dann von hinten wieder lebhafter auf der Strecke.
 
Die Sinne waren alle beschäftigt. Die Augen beschäftigten sich mit Strecke und Aussicht, die Ohren mit herannahendem Läufergetrappel. Auch der Nase wurde Abwechslung geboten. Mal nahm sie den Duft warmer Erde wahr, mal den typischen Waldgeruch, kurz das knoblauchartige Aroma von Bärlauch und manchmal auch den Duft frisch gewaschener Läuferklamotten, wenn ich überholt wurde.
 
In der Nähe der Bruchhauser Steine, die als Felsformation die Bäume überragten, stießen dann auch die 16-Kilometer-Läufer in das Teilnehmerfeld.
Ich fühlte mich langsam wie eine ausgepresste Zitrone und freute mich auf die Verpflegungsstellen, die etwa alle 5 Kilometer aufgebaut und mit Wasser, Tee, Cola, Obst und freundlichen Helfern bestückt waren.
Die fehlenden langen Läufe rächten sich jetzt und die Gehpausen wurden häufiger, auch weil die Waden erste Krampfneigungen meldeten. Bergauf ging ich jetzt meistens zügig und lief nur noch auf geraden und abfallenden Passagen. Das Wetter hatte daran keine Schuld. Mit gut 20 Grad war es zwar für meinen Geschmack eigentlich zu warm, aber durch einen leichten, kühlenden Wind auch für mich recht angenehm.
 
Ein paar Salztabletten und leicht abfallendes Asphaltstück, auf dem sich hindernisfrei laufen ließ, taten richtig gut. Dort konnte ich es mit wieder krampfneigungslosen Waden rollen lassen und etwas Zeit gutmachen, aber die Freude war nur von kurzer Dauer, denn dann kam der nächste Anstieg.
 
Ich wunderte mich über wohl falsch platzierte Kilometerschilder, die oft nicht mit den Kilometerangaben meines GPS-Gerätes harmonierten, und freute mich auf das Ziel. Aber das ließ noch auf sich warten. Die Route verließ den Grünbereich und führte in den Briloner Stadtrand. Mein Handgelenktacho hatte die 42,2 km bereits überschritten, aber vom Ziel war noch nichts zu sehen. Um mein bescheidenes Zeitziel zu erreichen, musste ich dann doch noch etwas Gas geben, erreichte den Zielbogen auf dem Briloner Marktplatz aber innerhalb des persönlichen Limits, ließ mir die Medaille umhängen und vernichtete erst einmal den Inhalt mehrerer Getränkebecher.
 
Nachdem ich den Kleiderbeutel geholt, eine Katzenwäsche erledigt, trockene Sachen angezogen und die im Startgeld enthaltene Nudelportion verdrückt hatte, ließ ich den Marathontag mit einem wohlverdienten bleifreien Bier auf dem schönen Marktplatz ausklingen und lauschte noch ein paar Songs der Band "Maraton" - ohne "h" -, bevor ich mit dem knöllchenfrei gebliebenen Auto den Rückweg Richtung heimische Dusche antrat.
 
Ganz so viele Höhenmeter wie in der Ausschreibung standen zeigte mein GPS-Gerät nach der Datenkorrektur dann nicht an, sondern "nur" 773 aufwärts und 975,5 abwärts führende. Dafür war der Lauf aber offensichtlich etwas länger als die klassische Marathondistanz. Gut 43 Kilometer hatte ich hinterher auf dem Tacho, fast alle davon landschaftlich schön.
 
Mein bescheidenes Ziel hatte ich an diesem Tag jedenfalls erreicht und war ganz zufrieden mit mir.
Auch Opa wäre zufrieden gewesen, denke ich.



24 Stunden-Lauf, Dortmund, 06.-07.06 2008
KreisLaufGeschichten - Ein Trainingsmarathon auf der Tartanbahn
 
 
06.06. bis 07.06.. 24 Stunden. 400 Meter-Bahn. Hunderte Teilnehmer. Tausende von Euros.
 
So die nackten Zahlen eines Laufes in Dortmund, die mit Leben gefüllt werden wollen.
 
Mir bot sich der Termin für einen langen Vorbereitungslauf auf den 12-Stunden-Lauf in Brühl an. Ich hatte schon lange keinen langen Lauf mehr in die Nacht hinein gemacht und noch nie einen auf einer 400-Meter-Bahn. Lauffreunde hatten sich auch angesagt, die Anfahrtstrecke nach Dortmund ist recht kurz und von den Veranstaltungen der letzten Jahre hatte ich hauptsächlich Positives gehört.
Also notierte ich für mich den Freitag Abend und nach ein paar kurzen Telefonaten und Mails war vereinbart, dass ich von 19:00 bis 20:00 Uhr im Staffel-Team der "Westfälischen Rundschau" caritative Bahnrunden mit dem Staffelstab drehen sollte.
Danach wollte ich noch so 4-5 Stunden in die Nacht hinein laufen, so dass ich auf ein Ergebnis irgendwo zwischen 42,2 Kilometern und 6 Stunden komme.
Sofern ich keine Kreis-Lauf-Probleme kriege. Oder andere, denn tagsüber hatte ich schon leichte Magen-Darm-Irritationen, so dass ich nicht viel gegessen und getrunken hatte. Um die Defizite noch ein wenig auszugleichen, schlürfte ich auf der Hinfahrt einen Halbliter-Kalorienbomben-Shake vom Restaurant "Zum Goldenen M" in der Hoffnung, damit kein sanitäres Fiasko zu erleiden.
Gegen 18:15 Uhr traf ich dann am Stadion "Rote Erde" direkt neben der BVB-Heimat "Signal Iduna Park", formally known as "Westfalenstadion", ein. Eigentlich müsste ja auch das Stadion "Rote Erde" umgetauft werden. In "Grüner Rasen" oder "Roter Tartan", denn von roter Erde war nichts zu sehen.
 
Das pralle Laufleben begann bereits mit dem Startschuss um 18 Uhr. Ich war erstaunt darüber, wie viele Beine dort ihre Runden auf der Tartanbahn drehten. Kindergruppen, Staffeln, Einzelläufer - alle liefen zu Gunsten eines guten Zweckes.
Der Erlös der Veranstaltung kam in diesem Jahr dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) zugute, damit dieser von den Einnahmen so viele Fahrräder anschaffen kann, dass damit anschließend geführte Radtouren für Kinder unternommen werden können.
 
Auf dem kurz geschorenen Rasen suchte ich zwischen all den Zelten und Ständen den der "Westfälischen Rundschau", wo ich mich wegen der Staffel melden sollte und wo man mir gleich eröffnete, dass ein Läufer sich am Fuß verletzt habe und nicht starten könne. Ob ich denn auch zwei Stunden in der Staffel laufen würde??
Ich hatte ja nichts anderes vor als die nächsten Stunden zu laufen, also willigte ich ein.
Nachdem ich kurz für die Zeitung interviewt worden bin erhielt ich als Laufoberteil ein atmungspassives WR-Baumwoll-Poloshirt in schwarz. Die ideale Bekleidung für starkschwitzende Läufer, die bei strahlendem Sonnenschein und ungefähr 25 Grad einen Marathon laufen wollen. Vorausgesetzt, sie laufen diesen zur Vorbereitung eines Wüstenmarathons.
 
Um 19:00 Uhr übernahm ich dann den hohlen Staffelstab, auf dem man notfalls auch trompeten kann, wie ich später feststellte. Auf der Suche nach bekannten Gesichtern hatte ich vorher schon Olli von den Dortmunder Endorphinjunkies ausgemacht, mit dem ich einige Runden lief. Später kamen auch noch Sarah, Mattin und Markus von den Junkies dazu.
Auf der Strecke war ein ziemliches Gewusel. Groß und klein, alt und jung, schnell und langsam - alles war vertreten und trat teilweise im Rudel auf. Oder als Walker-Sechserkette, wie sonst im Wald. Auf die Bahn latschende oder dort "parkende" Zuschauer forderten so manches Ausweichmanöver, langsamere Gruppen so manchen Überholvorgang auf der Außenbahn und abrupte Stopps und Bahnwechsel der Kiddies spontane Seiten-Sprünge heraus.
Die Ideallinie auf der Innenbahn war meistens blockiert.
Das war aber alles nicht schlimm. Schließlich ging es nicht um Bestzeiten. Spaß gemacht hat es trotzdem. Und Slalom laufen ist sicher auch gut für die Fußgelenke. ;-)
 
Am Ende meiner Staffellaufzeit gab ich nochmals ein wenig mehr Gas, um noch etwas Kettenfett und ein paar Schrauben mehr für die Kinderfahrräder zu erlaufen.
Nach ungefähr 45 Runden - Zählfehler nicht ausgeschlossen - übergab ich dann den Staffelstab an den nächsten Läufer.
Inzwischen hatten mein linker Fuß und der linke hintere Rückenbereich gemeinsam beschlossen, mich ein wenig zu piesacken.
Ich wechselte deshalb nicht nur mein Laufshirt auf "zivil" und funktionell, sondern probeweise auch meine Schuhe. Dann absolvierte ich noch ein paar unkonventionelle Verrenkungen um dem Rücken die Schandtaten auszutreiben und hoffte, dabei nicht beobachtet und zur Lachnummer zu werden.
Danach ging es "auf eigene Rechnung" zurück auf die Piste, auf der inzwischen auch Lauffreund Pete unterwegs war, mit dem ich dann viele Runden zusammen lief.
Inzwischen war es auf der Bahn auch etwas leerer geworden.
 
Die Rückenprobleme verschwanden dann im Laufe der Zeit zwar nicht, wurden aber weniger, so dass ich zumindest weitermachen konnte, auch wenn so manche Gehpause notwendig war.
Meine Flüssigkeits- und Energieverluste versuchte ich mit einer gewagten Kombination aus alkoholfreiem Weizenbier und einem Energie-Gel zu bekämpfen. Das schmeckte in etwa so ekelig wie es sich anhört.
Nach ungefähr 31 und 36 Kilometern legte ich zwei kleine Pausen ein. Inzwischen war es bereits dunkel, kühler und leicht schwül geworden und wir drehten unsere Runden unter Flutlicht. Die Anzahl der Läufer hatte sich auf eine gute Hand voll reduziert. Die Hüpfburg lag luftleer und schlaff auf dem Rasen, auf der Videowand wurde zwischendurch ein deutscher Spielfilm mit Ralf Richter gezeigt. Ansonsten konnte man auf der Wand einen Teil der Laufstrecke sehen und diese quasi als Rückspiegel nutzen. Dieses Programm gefiel mir auch deutlich besser.
Irgendwann, es war inzwischen Samstag, zeigte nach gut 100 Runden mein GPS-Gerät die Marathon-Runde an, nach der ich den Lauf dann beendet habe. Zuzüglich nicht GPS-gemessener 500 Meter, bei denen ich den Tacho versehentlich nicht angestellt hatte, kam ich dann auf knapp 43 Kilometer.
Mit trockenen Klamotten am Leib besetzte ich dann mit Pete, der eine Laufpause einlegte, noch zwei Faltstühle an der Bahn. Bei einem bleifreien Bier ließen wir die Läufer an uns vorbei ziehen und den Lauf Revue passieren.
Ich zahlte danach noch meinen Spenden-Obolus und machte ich mich auf den Weg nach Hause, während Pete noch in den Morgen lief.
 
Fazit: Es war ein interessanter Lauf mit schöner Stimmung, sowohl im Gewusel als auch in der Nacht. Langeweile kam keine Sekunde auf, ein Drehwurm auch nicht. Einen leistungsbezogenen Marathon oder Ultra kann man dort aber kaum laufen oder höchstens in der Nacht, wenn es ruhig ist auf der Bahn, zumal praktisch - bis auf einen Wasserwagen mit zum Teil längeren Warteschlangen - keine Läuferversorgung angeboten wird.
Insgesamt wurde in diesem Jahr übrigens eine Summe von über 24.000 Euro erlaufen.
 
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